Prof. Dr. Karl-Ernst Ackermann, Humboldt-Universität zu Berlin

Eröffnungsvortrag auf dem 10. Internationalen Kongress der ISNA-Snoezelen professional e. V. am 19.10.2012 in Maria Bildhausen

Snoezelen – Förderung und Forderung?

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor zehn Jahren wurde die Internationale Gesellschaft ISNA gegründet. Dies ist ein ganz besonderer Grund, hier und heute zusammen zu kommen und zu feiern. Denn 10 Jahre sind ein Zeitraum, der lange genug ist, um einen Blick zurück - und zugleich in die Zukunft zu werfen.
Außerdem stellt die bisherigen Entwicklung von Snoezelen von heute aus betrachtet eine Erfolgsgeschichte dar. Dies ist ein besonderer Anlass, zu feiern!
Deshalb also herzliche Glückwünsche für Sie alle  - und besonders für Ihre Gründerinnen und Gründer. 
Bei dem Blick in die Zukunft wünsche ich Ihnen gutes Gelingen. Denn die künftige Entwicklung stellt eine Herausforderung dar. Gilt es doch, den bisher so erfolgreichen Weg fortzusetzen.

Prof. Dr. AckermannDamit bin ich auch schon bei meinem Thema angelangt, das überschrieben ist mit:
„Snoezelen – Förderung und Forderung?“ – und wohlgemerkt mit einem Fragezeichen endet.

Lassen Sie mich zunächst meine Position erläutern.
Ich bin weder Mitglied der ISNA, noch habe ich eigene Förderpraxis-Erfahrung mit Snoezelen. Ich betrachte hier also die Erfolgsgeschichte des Snoezelens mit dem Blick eines unbeteiligten Beobachters, doch zugleich auch mit dem Interesse eines Pädagogen, der sich besonders um die Bildung und Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung kümmert. Aus dieser Perspektive interessieren mich besonders die pädagogischen Wurzeln von Snoezelen. Deshalb lasse ich mich bei meinen Überlegungen von folgenden Aspekten bzw. Fragen leiten.

1. Ich werfe einen Blick zurück und frage nach den Anfängen. Wie haben die Erfinder dieses Konzept ursprünglich verstanden? War es für sie ein Konzept, mit dem sie die Menschen mit Behinderungen fördern wollten? Welche Rolle spielte und spielt hierbei die „Förderung“?

2. Wie hat sich das Snoezelen weiter entwickelt? Welche Herausforderungen waren und sind hiermit für die Menschen mit Behinderungen verbunden? Haben sich hierbei Veränderungen ergeben?
Ich werde also die Erfolgsgeschichte des Snoezelens unter diesen beiden Aspekten betrachten.

3. Darüber hinaus werde ich in die Zukunft und auf die pädagogischen Anforderungen blicken, die sich den Akteuren des Snoezelens in Zukunft stellen werden.
Die Anfänge des Snoezelens    

Was ist Snoezelen – und worum geht es hierbei? Meine sehr verehrten Damen und Herren, wollte ich diese Frage klären, so hieße dies gewiss, Eulen nach Athen zu tragen. Ich muss Ihnen nicht erklären, was Snoezelen heißt, das wissen Sie selber viel besser als ich. Ich möchte hier lediglich eine Würdigung aus pädagogischer Sicht vornehmen. Hierbei muss ich auf die Anfänge des Snoezelens zurückblicken, also auf die Zeit, bevor die ISNA gegründet wurde.
Erste Ansätze hierzu gab es bereits schon in der Mitte der 1960er Jahre in den USA (Cleland und Clark). 
Doch ich möchte hier zuerst das Snoezelen berücksichtigen, das in Holland in den 1970er Jahren entwickelt wurde. Dort entstand der Name Snoezelen. Welche Idee stand hinter diesem Snoezelen? 

„Snoezelen. Eine andere Welt“ so heißt bezeichnenderweise das Buch der Autoren Jan Hulsegge und Ad Verheul. Dieses Buch wurde 1986 in Holland aufgelegt. Im Jahr 1989 erschien es dann im Lebenshilfe-Verlag Marburg erstmals auf Deutsch. Mittlerweile liegt es in der 10. Auflage vor (, die im Jahr 2005 herausgegeben wurde). Das ist eine erstaunlich hohe Auflage und Verbreitung für eine Publikation innerhalb der Sonderpädagogik. Mit diesem Band wurde also in den 1990er Jahren einer breiteren Fachöffentlichkeit das Snoezelen nahegebracht und bekannt gemacht.

Aus heutiger Sicht fällt das theoretische Selbstverständnis der beiden Autoren auf. Man gewinnt den Eindruck, dass sie in der Tradition einer „pädagogischen Phänomenologie“ stehen. Diese Tradition war in den 1960er Jahren in Holland sehr stark verbreitet. In dieser pädagogischen Phänomenologie ging es vor allem darum, Erziehung und Bildung zu beschreiben, ohne auf eine bestimmte Theorie zurückzugreifen. Es sollten Erziehung und Bildung aus der Praxis heraus beschrieben werden. Man wollte hierdurch die „zentralen Gegenstände“ bzw. die wesentlichen Erscheinungen (=Phänomene) in der Pädagogik überhaupt erst einmal erkennen und identifizieren. In diesen Zusammenhang lässt sich auch das folgende Zitat einordnen.

„Dem Snoezelen fehlt eine grundlegende, zum Beispiel wahrnehmungspsychologisch begründete Theorie“ (Hulsegge/Verheul 2001, 13).

Die Autoren erläutern ihre Vorgehensweise damit, dass sie ihren Blick nicht durch eine bestimmte theoretische Sichtweise einengen wollen. Man kann hierin die Begründung für ein phänomenologisches Vorgehen erkennen.
Doch zugleich wird in den Ausführungen der beiden Autoren eine andere theoretische Orientierung deutlich. Denn obwohl sie eigentlich theoriefrei vorgehen wollen, beziehen sie sich doch auf eine ganz bestimmte Theorie, nämlich auf die Reiz-Reaktions-Theorie. Diese Theorie war gerade auch in den 1970er Jahren sehr verbreitet. Diese Theorie sollte das menschliche Verhalten objektiv erklären. Diese Theorie-Sichtweise wird zum Beispiel dann deutlich, wenn die Autoren mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass die menschliche Sinneswahrnehmung einen Reizfilter enthält. Sie sagen z.B.:

(Zitat)
„Da schwerstbehinderten Menschen das übliche Reize-Filter fehlt, müssen wir ihnen eine strukturierte Reize-Umwelt anbieten“ (ebd. 10) - 

und das heißt:

„Die Sinne sollen also nicht in der Breite, sondern in der Tiefe angesprochen werden. Um dies zu ermöglichen, versuchen wir, Reize selektiv anzubieten und gleichzeitig unnötige Reize zu reduzieren“ (ebd. 10). 
Diese Festlegung auf die Reiz-Reaktions-Theorie führt zu einem theoretischen Problem. Denn diese Festlegung steht im Widerspruch zu der ausdrücklichen Entscheidung, zunächst einmal die pädagogische Praxis theorielos zu beschreiben.

Dennoch wurde dieses Konzept Snoezelen bald von vielen Seiten begeistert aufgegriffen und in den pädagogischen Alltag integriert.  Vielleicht auch deshalb, weil - wie es der Untertitel des Bandes von Hulsegge/Verheul verspricht - mit dem Snoezelen „Eine andere Welt“ betreten wird.

Das faszinierende „Andere“ an dieser Welt bestand und besteht offensichtlich darin, dass es sich hierbei nicht um jene pädagogische Welt handelt, die auf Zwecke, Ziele, Normen und Leistung hin ausgerichtet ist. Sondern beim Snoezelen handelt es sich eher um eine pädagogische Gegenwelt, nämlich um eine Freizeit-Welt, in der es um Entspannung geht oder um ein Gefühl von Wohlbefinden, das durch „Dösen“ und „Schnüffeln“ entstehen kann. Diese Welt ähnelt dem „zweckfreien Spiel“, das nicht eine bestimmt Funktion erfüllen soll oder einen Zweck verfolgt.
Dementsprechend gehen Hulsegge und Verheul davon aus, dass es sich beim Snoezelen weder um eine „Therapie“ noch um ein „Förderprogramm“ (ebd. 1) handelt. 
Darüber hinaus könne das Snoezelen auch nicht eindeutig definiert werden. Hulsegge und Verheul sagen:
„Wir werden einige (Definitionen – K.-E.A.) anführen, aber keine Mühe darauf verschwenden, die einzig richtig Definition zu finden – wenn es die überhaupt geben kann“ (ebd. S. 36).

Deshalb können sie das Snoezelen lediglich beschreiben, nämlich als

„das bewußt ausgewählte Anbieten primärer Reize in einer angenehmen Atmosphäre“
oder  als
„eine primäre Aktivierung schwer geistig behinderter Menschen, vor allem auf sinnlich Wahrnehmung und sinnliche Erfahrung gerichtet, mit Hilfe von Licht, Geräusche, Gefühlen, Gerüchen und dem Geschmacksinn“
oder als
„das Schaffen authentischer Erlebensmöglichkeiten von Umwelt für die, die anders sind“ (ebd. 36).

Dieses so umschriebene Snoezelen wird also weder als Förderprogramm, noch als Therapie präsentiert. Doch um was handelt es sich denn wirklich?
Die Auskunft, die wir in dieser frühen Phase der Entwicklung des Snoezelens erhalten, lautet: Snoezelen stellt eine Möglichkeit dar, bei der Menschen mit schwerer geistiger Behinderung eine „spezifische“, eine „beruhigende“ (ebd. 36), eine „selbstgewählte“ (ebd. 1) oder eine „bedeutsame Aktivität“ entfalten. Dementsprechend lautet die Auskunft auf eine einprägsame Kurzformel gebracht: Snoezelen ist eine „bedeutsame Aktivität“!

Damit diese Aktivität von Menschen mit Behinderung hervorgebracht werden kann, sollten auf Seiten der pädagogischen Begleiter die folgenden Voraussetzungen (zum Teil auch als Prinzipien bezeichnet) beachtet werden (vgl. ebd. 38 ff.):

  • Richtige Atmosphäre
  • Eigene Entscheidung bzw. Freiwilligkeit des Snoezelens
  • Eigenes Tempo
  • Richtige Zeitspanne
  • Wiederholung
  • Ausgewähltes Reizangebot
  • Richtige (Grund-)Einstellung
  • Richtige Betreuung

 

Also bei aller Unbestimmtheit dessen, was Snoezelen ist, wurde letztendlich doch  eine bestimmte Vorstellung hiervon vermittelt, nämlich:

Es handelte sich um eine pädagogische Gegenwelt bzw. um eine andere Welt, in der Entspannung und Wohlbefinden vorherrschen -
und diese Welt kann pädagogisch hervorgebracht bzw. inszeniert werden, nämlich dadurch, dass bestimmte Prinzipien und Voraussetzungen berücksichtigt werden.

Offensichtlich haben diese Bestimmungen auch dazu beigetragen, dass das Snoezelen in der sonderpädagogischen Praxis bzw. im „System Behindertenhilfe“ mit solchem Erfolg rezipiert werden konnte.
Ausschlaggebend für die Erfolgsgeschichte dürfte jedoch gewesen sein, dass dieses zunächst uneindeutige Konzept in der Gestalt eines eindeutigen Raumes vermittelt werden konnte.

„Beim Snoezelen im engeren Sinne denken wir an einen oder mehrere Räume, die dauerhaft oder vorübergehend nur fürs Snoezelen eingerichtet sind“ (ebd. 49).

Wenn also auch das Phänomen Snoezelen selbst nicht bestimmbar war – es war weder Methode noch Förderung oder Therapie – so konnte es doch als ein Konzept sehr eindeutig durch den Raum und durch die in diesem Raum gegebenen technischen Voraussetzungen bestimmt werden.

Dazu, dass das Snoezelen so erfolgreich in der Heil- und Sonderpädagogik und dann darüber hinaus in vielen anderen Bereichen aufgenommen und berücksichtigt wurde, dürfte eben diese eindeutige technische Bestimmbarkeit des Snoezel-Raumes geführt haben.

Die Besonderheiten dieses Konzept können also aus pädagogischer Sicht folgendermaßen zusammengefasst werden:

Es wurde aus der konkreten pädagogischen Praxis heraus ein „einheimisches“ pädagogisches Verfahren – entwickelt. Das ist das Verdienst von Hulsegge und Verheul sowie der ursprünglichen Erfinder und Pioniere des Snoezelens, nämlich der Zivildienstleistenden Niels Snoek und Klaas Schenk und den Mitarbeitern Rein Staps und Ton Heine, die bereits 1974 in der Einrichtung Haarendael ein erstes solches Projekt ins Leben riefen.

Bedenkt man, dass in der Pädagogik in aller Regel nicht auf einheimische, sondern auf fremde Verfahren zurückgegriffen wird, die aus anderen Disziplinen wie der Psychologie oder der Medizin stammen (Verhaltenstheoretische Verfahren, Sensorische Integration etc.) so wird die Chance deutlich, die mit dem Snoezelen verbunden ist: 
Es handelt sich um eines der wenigen „einheimischen“ Konzepte in der Pädagogik.
Darüber hinaus stellt es ein Konzept dar, das sich bei aller vermeintlichen theoretischen Nicht-Festlegung doch auch ganz konkret in der Praxis vermitteln und durchführen lässt, besonders dadurch, dass es so eindeutig durch den Raum und die darin befindlichen „Instrumente“ bestimmt werden kann.

Ich möchte hier also zunächst zusammenfassen, dass es sich beim Snoezelen  

  • um ein „einheimisches“ pädagogisches Verfahren handelt,
  • das aus der heil- und sonderpädagogischen Praxis mit schwergeistigbehinderten Menschen heraus in einem zunächst vermeintlich theoriefreien Kontext entwickelt wurde,
  • dass mit diesem Verfahren zunächst weder eine pädagogische Förderung noch eine Therapie intendiert wurde,
  • sondern dass es lediglich als Freizeitangebot der Entspannung und dem Wohlbefinden dienen sollte,
  • gleichwohl aber darüber hinaus  – im impliziten wahrnehmungspsychologischen Selbstverständnis  - als ein Konzept zur Förderung der Sinneswahrnehmung aufgefasst werden konnte,
  • das insbesondere in der Gestalt eines technisch beeinflussbaren (Wirkungs) Raumes  konkret vermittelt und verwendet wird.

Pointiert und auf meine Themenstellung „Förderung und Forderung?“ bezogen ließe sich formulieren, dass  das Freizeitkonzept Snoezelen nach und nach zu einem Förderkonzept für die Sinneswahrnehmung von schwer geistig behinderten Menschen wurde, das besonders dadurch fasziniert, dass dieses Förderkonzept keine Anforderung außer derjenigen enthält, sich zu entspannen und wohl zu fühlen.

Dies musste in den 1970er Jahre geradezu befreiend und entspannend wirken. Denn der damals in der Heil- und Sonderpädagogik einsetzende ‚pädagogische Optimismus‘ verpflichtete die professionell Handelnden gerade dazu, jede nur mögliche Förderung wahrzunehmen und durchzuführen. Dabei handelte es sich meistens um Förderungen, die von Experten verordnet worden waren. Alleine schon deshalb dürfte es sich hierbei in aller Regel um eine Förderung gehandelt haben, die erhebliche Forderungen und Anforderungen an die Menschen mit Behinderungen stellte.
Insofern dürfte das „einheimische“ Verfahren ‚Snoezelen‘ eine attraktive Möglichkeit der Förderung dargestellt haben – nicht nur für die zu fördernden Menschen mit Behinderungen, sondern eben auch für die professionell Handelnden.
Also auf eine Formel gebracht: bei der ‚besonderen Aktivität‘ Snoezelen handelte es sich um eine Förderung ohne Forderung
Dies ist sozusagen die eine Seite der Erfolgsgeschichte.

 

2. Die Fortentwicklung des Snoezelens

Die andere Seite der Erfolgsgeschichte besteht nun darin, dass der Aspekt der Förderung deutlicher im Selbstverständnis des Snoezelens verankert wurde, ohne den Aspekte der hiermit einhergehenden Anforderungen allzu sehr zu betonen.
Hier setzt nun eine Entwicklung ein, die unter anderem auch von der Internationalen Gesellschaft ISNA begleitet wird. ISNA wurde im Oktober 2002 auf dem Internationalen Symposium „SNOEZELEN viele Länder – viele Konzepte“ an der Humboldt-Universität zu Berlin gegründet.

In ihrem Buch „Snoezelen. Eine Einführung in die Praxis“, das erstmals 2003 und in der 2. Auflage im Jahr 2004 erschien, weist Krista Mertens auf diese neuere Entwicklung des Snoezelens folgendermaßen hin:

„Bei meinen Arbeiten in der Wahrnehmungsförderung entdeckte ich, dass der Snoezelenraum nicht allein der Erholung und Entspannung, sondern ebenso der Förderung dienen kann.“ (Mertens 2004, 7).
In diesem Zusammenhang lag es nahe, „das Snoezelen wissenschaftlich zu begründen“ (Mertens 2004, 7). Und im Laufe der Zeit fand auch unter den Anhängern des Snoezelens vermehrt die Position Zustimmung,  „dass zur Anerkennung dieser ‚Aktivität‘ als Interventionsmethode Effizienzanalysen und  -kontrollen nötig sind“ (Mertens 2004, 7).
Auf Initiative von Frau Prof. Mertens wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin ein entsprechender Snoezelenraum für die nun anstehende Forschung eingerichtet.
Die ursprüngliche „Freizeitaktivität“ Snoezelen wurde nun zunehmend im Hinblick auf ihre fördernde Wirkung untersucht. Dementsprechend war nun nicht mehr von einem Freizeitangebot die Rede, sondern von einer „Intervention“! Und damit einhergehend erfuhr das Snoezelen eine wesentlich deutlichere Beschreibung – wie z.B. folgende:

„Unter Snoezelen wird die Auslösung von Wohlbefinden in einer entsprechend gestalteten Umgebung durch steuerbare multisensorische Reize verstanden“ (Mertens 2004, 11).

Um die Wirkung des Snoezelens wissenschaftlich zu begründen, wurde zunächst ein allgemeiner pädagogisch-didaktischer Ansatz gewählt, nämlich die Vorstellung vom sogenannten „didaktischen Dreieck“ (Mertens 2004, 13 ff. und Mertens 2008, 13). In pädagogischer Vorstellung gilt es, zwischen den drei Aspekten Schüler – Lehrer – Inhalt  (bzw. Ziel) ein Verhältnis aufzubauen, das im Wesentlichen auf dem pädagogischen Bezug basiert. Im Zusammenhang mit Snoezelen wird dieses Dreieck nun auf die zentralen Aspekte (1) Raum, (2) Person und (3) Begleiter bzw. Lehrender bezogen.
Die Wirkweise des Snoezelens wird nun im Hinblick auf diese drei Aspekte untersucht. 

„Der Effekt, das gewünschte Resultat oder die erfolgreiche Intervention entwickelt sich in der harmonischen Beziehung zwischen gestaltetem Raum, der zu betreuenden Person und dem Begleiter“ (Mertens 2004, 13).

Insbesondere der Raum und die darin installierten Geräte – sozusagen das Instrumentarium des Snoezelens – werden hinsichtlich ihrer Wirkung untersucht.
Denn die Pädagogen müssen diese „Stimuli wie Licht-, Klang-, Temperatur, Haut- und Geruchsreize“ (ebd. 13) hinsichtlich der ihnen innewohnenden Wirkung kennen, bedienen und dosieren können. Außerdem sollen diese Stimuli gezielt eingesetzt werden können. Hierbei geht es vor allem um eine entsprechende Reizselektion.

In ihren weiteren Ausführungen zur Begründung des Snoezelens geht Mertens vor allem auf die Person bzw. deren neurologische Grundlagen und hier wiederum auf das Gehirn- und Nervensystem sowie auf das Sensorische System ein. Die Nah- und die Fernsinne werden im Blick auf die im Snoezelenraum befindlichen Stimuli beschrieben.
Auch der Dialogaufbau zwischen Pädagoge und „Klient“ wird in Hinblick auf die Beziehungsqualität der unterschiedlichen Sinne untersucht. Insbesondere taktil-haptische Stimuli werden hier hervorgehoben, aber auch die Art der Zuwendung, der Sprachmelodie sowie der Wirkung der Musik etc.
War die ursprüngliche Intention des Snoezelens als Freizeitaktivität gesehen worden, so wird nun der Aspekt der Förderung durch gezielte Interventionsmaßnahmen deutlicher. Darüber hinaus stellte sich die Frage, inwieweit es sich hierbei denn nicht auch bereits schon um therapeutische Maßnahmen handelt. Mit diesem Anspruch einer therapeutischen Wirkung des Snoezelens tritt  dann auch zunehmend der Charakter einer gezielten „fordernden Förderung“ in den Vordergrund.

Die Frage, ob Snoezelen nun Förderung oder Therapie ist, beantwortet Mertens folgendermaßen:
„Je nach Absicht, Zielgruppe und beruflicher Qualifikation wird das Snoezelen eine andere Struktur aufweisen. Theoretisch können die folgenden vier Anwendungsbereiche unterschieden werden:

  • Snoezelen als Therapie
  • Snoezelen als therapeutisch orientierter Maßnahme
  • Snoezelen als pädagogische Fördermaßnahme
  • Snoezelens als freies Angebot“    (Mertens 2004, 29).

Wenn auch das Snoezelen bislang nicht als eine eigene Therapie geltend gemacht wurde, so könne es doch für sich den Status einer „Bewegungstherapie auf neurophysiologischer Grundlage“ (Mertens 2004, 29) beanspruchen. Faktisch durchführen lasse es sich jedoch - auf der Grundlage einer sorgfältigen Diagnose -  am ehesten in der Kompetenz von Ergo- und Physiotherapeuten:

„Diese integrieren das Snoezelen in ihr Therapie- und Behandlungskonzept und ordnen das Snoezelen den Interventionsmethoden Sensorische Integration oder Mototherapie zu“ (Mertens ebd. 29).

Anstelle einer solchen Praxis müsse jedoch dem Snoezelen der Status einer anerkannten Therapie verschafft werden. Hierzu bedürfe es weiterer Studien, vor allem empirischer Untersuchungen, die die Wirkweise und Effizienz belegen.

Betrachtet man nun diese Legitimationsversuche, so wird deutlich, dass in erster Linie die Wirkweise des technischen Instrumentariums bzw. der im Snoezelenraum verfügbaren Stimuli sowie deren neurologisch nachweisbaren Auswirkungen in der „Person“ im Fokus stehen. Bezogen auf das zur pädagogischen Begründung herangezogene didaktische Dreieck lässt sich konstatieren, dass vor allem der Raum mit den in ihm enthaltenen Stimuli auf seine neurologisch nachweisbare Wirkung untersucht wird. Bei dieser Sichtweise werden die neurologischen Reaktionen in der „Person“ verdeutlicht.
Hingegen kann die Bedeutung des dialogischen Bezugs zwischen „Person“ und Pädagoge bzw. Begleiter aus methodischen Gründen nicht näher erfasst werden. Insofern bleibt auch der Verweis auf den ‚Pädagogischen Bezug‘ von Herman Nohl lediglich ein Appell – nämlich 
„… die Snoezelenfachkraft sollte mit Engagement und Freude bei der Arbeit sein, der Führungsstil ist demokratisch und klientzentriert“ (Mertens 2004, 21).
Durch die herangezogene Methode der Begründung kann die Wirkung des Snoezelens nur auf die neurologischen Reaktionen der Person bezogen werden.  Die „Person“ im didaktischen Dreieck bleibt im Wesentlichen auf ihre neurologischen Reaktionen reduziert. Der beanspruchte pädagogische Ansatz der Begründung muss deshalb zunächst ein Desiderat bleiben, bis entsprechende Verfahren zur Rekonstruktion des pädagogischen Bezuges entwickelt worden sind.

Demgegenüber aber wird durch die vorgelegten umfangreichen empirischen Untersuchungen eine objektive Erklärung neurologisch nachweisbarer Auswirkungen der Snoezelen-Stimuli gegeben.
Und zwei weitere Aspekte werden durch die Arbeiten von Mertens deutlich hervorgehoben:

1. Der Begriff Snoezelen wird aus methodischen Gründen auf einen entsprechend eingerichteten Innenraum bezogen und mit dieser begrifflichen Eingrenzung klarer konturiert.
„Ich möchte den Begriff des Snoezelens … auf entsprechend eingerichtete Innenräume eingegrenzt wissen, um die pädagogischen und therapeutischen Interventionsmöglichkeiten noch kontrollieren und beeinflussen zu können“ (Mertens 2004, 11).

2.  Snoezelen enthält unter anderem einige Elemente der Sensorischen Integration nach Jean Ayres auf (z.B. Mertens 2004, 29), doch werden darüber hinaus die spezifischen Wirkungen der Stimuli im Raum besonders berücksichtigt.

Snoezelen wird hierdurch zunehmend zu einem Konzept, das technisch beherrscht und von pädagogischen Fachkräften umgesetzt werden kann, die entsprechend fortgebildet wurden. Ein solches fördertechnisch ausgerichtetes Interventionskonzept kann dann auch in immer mehr Handlungsfeldern verwendet werden.
Dies kommt der gegenwärtigen Entwicklung entgegen, denn Snoezelen ist ja längst nicht mehr  nur auf den Personenkreis schwer geistig behinderter Menschen bezogen, sondern richtet sich gleichermaßen an Babys, Kinder, Erwachsene und Senioren und wird angewendet bei schwerer geistiger Behinderung, bei Autismus-Spektrum-Störungen, bei Demenz, in der Onkologie, bei Lähmungen, Zerebralparese, bei Lungenerkrankungen, Verdauungsproblemen, Wahrnehmungsstörungen, burn out usw. – wie ja auf diesem 10. ISNA-Kongress berichtet werden wird.
Kurzum, Snoezelen kann inzwischen nahezu als wirksames Heilmittel für die unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und Störungen aufgefasst werden.

Dementsprechend ist auch der Bekanntheitsgrad dieses Förderkonzeptes gestiegen. So haben Klauß/Lamers/Janz (2005) in einem sehr umfangreichen Forschungsprojekt (zur „Bildungsrealität von Kindern und Jugendlichen mit schwerer und mehrfacher Behinderung in Baden-Württemberg“) unter anderem Folgendes festgestellt:  das von ihnen befragte Personal an „Schulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung“  nannte auf die Frage, welche Förderkonzepte ihnen bekannt sind, bereits an dritter Stelle das Snoezelen
(nach „Basalen Stimulation“ (Fröhlich) und „Sensorischen Integration“ (Ayres) -  noch vor der Basalen Kommunikation (Mall (ebd. 163)).

In diesem Konzept des Snoezelens wird denn auch der Charakter einer „Förderung mit Forderung“ zunehmend deutlicher.
Das ist sozusagen die andere Seite dieser Erfolgsgeschichte: Ein Interventionsprogramm, das die Sinnes-Wahrnehmung fördert und die Personen durch Reizreduktion sowie gezielte Stimuli zu bestimmten Reaktionen herausfordert.

 

3. Auf dem Weg in die Zukunft
   (Heraus-)Forderungen an die Akteure

 

Wenn dieser 10. Kongress ISNA nun in die Zukunft blickt, so müssen die beiden Seiten der Erfolgsgeschichte des Snoezelens berücksichtigt werden: Erfolg verpflichtet – nämlich dazu, auf einer gründlicheren Basis den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Das heißt zunächst einmal, sich zu fragen, von welchem Selbstverständnis man ausgeht. Dies bedeutet, zu klären. Welchen theoretischen Ansatz man weitergehen möchte – und dann diesen Weg konsequent weiterzugehen. Also nicht einerseits sich „theoriefrei“ verstehen – und zugleich eine in der Pädagogik inzwischen fragwürdige Theorie (z.B. Reiz-Reaktions-Theorie) verfolgen.

Darüber hinaus sollte die Frage gestellt werden, in welchem institutionellen Zusammenhang das Snoezelen entstanden ist.  Hier müsste verdeutlicht werden, dass das Snoezelen aus Anstalten bzw. Vollzeiteinrichtungen heraus entwickelt wurde – und zwar mit dem Ziel, einen Ausgleich zu den Anforderungen zu schaffen, die an Menschen mit geistiger Behinderung innerhalb dieser Institutionen gestellt werden. Hierbei handelte es sich ja damals meistens um „totale Institutionen“, also um Einrichtungen, die den Alltag der Personen bis in Einzelheiten hinein bestimmte.
Was bedeutet dies für das Selbstverständnis des Snoezelens, wenn solche institutionelle Strukturen heute sehr stark abgebaut worden oder gar verschwunden sind? Braucht man dann Snoezelen überhaupt noch?

Eine ganz dringende Forderung ist allerdings, dass sich das Snoezelen mit der Kritik auseinandersetzt, die von Anfang an ihr geübt wurde. Hier wären zum Beispiel vor allem die folgenden drei Kritikpunkte zu nennen:

1. Schon bevor die UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet wurde, gab es die Kritik an dem Ansatz des Snoezelens, dass Menschen mit Behinderung durch das Snoezelen in eigenen Räumen exkludiert würden (z.B. Goll 2004). Nachdem nun in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention vor drei Jahren ratifiziert wurde, ist dieser Aspekt erneut zu bedenken. Wie stellt sich ISNA dazu?

2. Bereits in den 1990er Jahren wurden an den wissenschaftlichen Methoden, mit denen Snoezelen begründet werden sollte, Zweifel geäußert (Lamers 1994) – so z.B.: Inwiefern ist die Reiz-Reaktions-Theorie für eine pädagogische Theorie geeignet? Diese Fragen nach den Methoden sind erneut zu stellen, wenn zum Beispiel der Anspruch erhoben wird, Snoezelen bewirke eine Persönlichkeitsentwicklung?

3. Bereits Ende der 1980er Jahre wurde die Vermarktung des Snoezelens sowie möglicherweise damit einhergehende Interessen kritisiert (Störmer 1989). Welche Position besteht heute gegenüber dieser Kritik?

 

Auf dem Weg in die Zukunft müssen sich die Akteure des Snoezelens mit diesen Fragen auseinandersetzen und vor diesem Hintergrund ihr theoretisches Selbstverständnis formulieren!
Dies ist eine sehr anspruchsvolle Forderung an die Akteure. Doch ist sie notwendig, wenn Snoezelen seine Erfolgsgeschichte fortsetzen möchte.

 

 

Literatur:

Deutsche SNOEZELEN-Stiftung (Hrsg.): SNOEZELEN in Deutschland. Königslutter 2000.

Goll, Harald: Inklusive Pädagogik und schulische Praxis: Lern- und Lebensangebote für
Menschen mit (schwerer) geistiger Behinderung im internationalen Kontext. In: A. Sasse, M.
Vitková und N. Störmer (Hrsg.), Integrations- und Sonderpädagogik in Europa. Professionelle
und disziplinäre Perspektiven (331-342). Bad Heilbrunn 2004.

Hulsegge, Jan/ Verheul, Ad: Snoezelen. Eine andere Welt. Marburg 2001 (9. unveränderte Auflage).

Klauß, Theo/Lamers, Wolfgang/Janz, Frauke:  Die Teilhabe von Kindern mit schwerer und mehrfacher Behinderung an der schulischen Bildung – eine empirische Erhebung. Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt zur „Bildungsrealität von Kindern und Jugendlichen mit schwerer und mehrfacher Behinderung in Baden-Württemberg (BiSB)“. Teil I – Fragebogenerhebung. Pädagogische Hochschule Heidelberg  (2000 – 2004). Heidelberg 2005                                                    (http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/volltexte/2006/6790/pdf/Forschungsbericht_BiSB_I.pdf)

Lamers, Wolfgang: Spiel mit schwerstbehinderten Kindern und Jugendlichen. Aachen 1994 (S. 269 ff).

Mertens, Krista: Snoezelen. Eine Einführung in die Praxis. Dortmund 2003 (2. durchgesehene Auflage: 2004)

Mertens, Krista (unter Mitarbeit von Ad Verheul/ Sandra Köstler/Ulrich Merz): Snoezelen. Anwendungsfelder in der Praxis. Dortmund 2005

Mertens, Krista: Snoezelen. In: Geistige Behinderung 45 (2006) 4, 344 -348.

Mertens, Krista/Tag, Franziska/Buntrock, Martin: Snoezelen. Eintauchen in eine andere Welt. Dortmund 2008.

Nikolay, C./ Hilsamen, U.: Kritische Betrachtung des Snoezelens in seinen Anwendungen. Unter Anleitung von Andreas Fröhlich verfasst. Universität Landau. Landau o.J. (http://www.basale-stimulation.de/fileadmin/Redaktion/pdf/Snoozelen.pdf)

Störmer, Norbert: Trivialisierungen und Irrationalismen in der pädagogisch-therapeutischen Praxis. In: Behindertenpädagogik 28 (1989)2, 157-176.

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