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November 2014 - Prof. Dr. Krista Mertens em.  

Snoezelen heute in der pädagogischen und therapeutischen Praxis

 

1. Gründung und Zielsetzungen der „International Snoezelen Association“ (ISNA)
Mitte der 80er Jahre hatte ich  über einen Schulleiter einer Förderschule in Paderborn-Schloss Neuhaus von dem Snoezelen gehört und wollte mir diese etwas unglaubliche Schilderung der glitzernden Ruheräume für schwer behinderte Menschen ansehen.  Sehr schnell habe ich gespürt, dass dieses Angebot etwas Besonderes ist, vieles auch mit den in diesen Jahren boomenden Wahrnehmungsangeboten gemein hat und wir diese Arbeit im Auge behalten müssen. 1981 reiste ich in die Niederlande in das Zentrum de Hardenberg bei Ede und begegnete Ad Verheul. Ich besichtigte die Snoezelenräume und traf auch auf Jan Hulsegge, der mit Ad Verheul die Snoezelenaktivitäten anbot. Nach einem regelmäßigen Austausch in den nachfolgenden Jahren - vor allem auf Exkursionen mit meinen Studierenden - reifte das gemeinsame Vorhaben, die Wirkungsweisen des Snoezelens näher zu erforschen und wissenschaftlich zu untermauern.

2002 fand dann vom 10. bis 12. Oktober unter dem Motto „Viele Länder – viele Konzepte“ - das „1. International Snoezelen Symposium“ an der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Es nahmen 120 Personen aus Japan, Kanada, Israel, Russland, England, Schweden, Schweiz, Polen und Deutschland teil. Hier wurde auch die „International Snoezelen Association“ gegründet (während des Kongresses suchten die Studierenden im Internet, ob das Kürzel „ISNA“ noch frei war und sicherten uns diese Domaine.

Der Gedanke des Snoezelens war etwas völlig neues für die Behindertenarbeit, insbesondere für schwer und schwerst behinderte Menschen. Erste private, dann meist kirchlich geführte „Anstalten“ gab es Anfang des 19. Jahrhunderts.  Die „aktivierende Betreuung“ und die sich in den 50er Jahren entwickelnde Förderung in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden war für die Sonderpädagogen in Deutschland Vorbild. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits 1950 in den Niederlanden in De Hardenberg der Grundstein für das Snoezelen gelegt wurde. Es sollte noch 30 Jahre dauern bis der Gedanke  „Nichts muss, alles darf“  (vgl. Hulsegge, J.; Verheul, A. 19976) Deutschland erreichte.Allerdings musste nach meinem Verständnis von Sonderpädagogik dieses Motto dahingehend verändert werden, dass doch „einiges muss und nicht alles darf“- vor allem, wenn Snoezelen effektiv in der Förderung und Therapie angewandt werden soll.

Seit ca. 10 Jahren kann man von einer weltweiten des Snoezelens Verbreitung sprechen. Nach den ersten Erfahrungen in den Niederlanden finden die Ruhe-, Erholungs-, Entspannungs- und Förderräume in vielen Nationen der Welt Akzeptanz. Jedoch sind sie nicht immer adressatenspezifisch eingerichtet. Der Begriff „Sensory Cafeteria“ der von Cleland und Clark in der uns bekannten ersten Veröffentlichung im „American Journal of mental deficiency“ (1966/1967) verwendet wurde, hat auch heute für solche unüberlegt eingerichteten, von Reizen überfrachteten Räume seine Berechtigung.
Inzwischen kommen die Mitglieder der ISNA aus 31 Nationen (Deutschland hat prozentual den größten Anteil), die an einer seriösen Weiterentwicklung des Snoezelens interessiert sind und sich durch ein besonderes Fachwissen bei der Vermittlung des Snoezelens und der Beratung zu adressatenspezifischen Einrichtung von Snoezelenräumen auszeichnen. Wir verfolgen das Interesse an fachlich korrekter Information und qualifizierter Weiterbildung. Auf den Fortbildungsveranstaltungen werden die Grundlagen des Snoezelens, adressatenspezifische Inhalte und die über Jahre entwickelten und erprobten Förder- und Therapiekonzepte sowie die diagnostischen Verfahren vorgestellt und für die unterschiedlichen Klientel modifiziert weitergegeben. Zudem wird die internationale Vernetzung zwischen Snoezeleneinrichtungen im In- und Ausland aufgebaut und gepflegt. In den verschiedensten Institutionen sind Experten mit der von der ISNA angebotenen international anerkannten „Zusatzausbildung Snoezelen“ tätig. Sie tauschen untereinander Erfahrungen aus, hospitieren gegenseitig, lernen voneinander und passen ihre Ausbildungskonzepte den neuen Forschungsergebnissen an.

2. Was versteht man unter „Snoezelen“?
Snoezelen (sprich „snuzelen“) ist ein Phantasiewort – eine Verbindung der beiden englischsprachigen Verben „snooze“ und „doze“= dösen/ ein Nickerchen machen. Hinter dem Snoezelen steht ein multifunktionales Konzept: In einem besonders ansprechend gestalteten Raum (vorwiegend "Weißer Raum") werden über Licht-, Klang- und Tonelemente, Aromen und Musik Sinnesempfindungen ausgelöst. Diese wirken auf die verschiedensten Wahrnehmungsbereiche entspannend, aber auch aktivierend. Das gezielt ausgesuchte Angebot steuert und ordnet die Reize, es weckt Interesse, es ruft Erinnerungen hervor und lenkt Beziehungen. Das Snoezelen soll immer Wohlbefinden erzeugen. In der ruhigen Atmosphäre werden den Menschen Ängste genommen, sie fühlen sich geborgen (vgl. Brockhaus Enzyklopädie. Bd. 25, 429).
Der Snoezelenraum kann von wohlriechenden Düften durchflutet sein, die schöne Erinnerungen wecken und zum Träumen animieren. Zu seiner Ausstattung gehören unterschiedliche Lichtquellen und Projektoren, die verschiedenartige visuelle Effekte erzeugen- eine Farbdrehscheibe, eine sich an der Raumdecke langsam drehende Spiegelkugel - und eine bequeme Sitz- und Liegelandschaft. Snoezelen ist Therapie und Förderung zugleich und wird in allen Entwicklungs und Altersstufen (Kleinkind bis betagte Menschen) eingesetzt.

3. Snoezelenräume für unterschiedliche Bedürfnisse
Der Snoezelenraum mit seinen gemütlichen Sitz- und Liegeecken lädt zum Verweilen ein. Die Besucher richten den Blick auf Wassersäulen und bunt fließende Bilder, lauschen den schönen Melodien und sind manchmal auch von einem angenehmen Aroma umgeben. Diese Atmosphäre ist Therapie und hilft vor allem den behinderten Menschen und älteren Menschen, ihre Probleme zu vergessen, sich neu zu orientieren und sich in einer ansprechenden Atmosphäre wohl zu fühlen. In einem Snoezelenraum kann leichter über Probleme und Sorgen gesprochen werden, und geschulte Betreuer bieten Hilfe. Die vielfältigen optischen, akustischen und taktilen Reize, sogar die Aromen und überlegt ausgewählten Klänge, haben eine weitere heilende Funktion: Kinder – auch hyperaktive – sowie ebenso erwachsene Menschen lernen, sich besser zu konzentrieren und ihr Gedächtnis anzustrengen. Bestimmte Melodien und insbesondere Düfte wecken Erinnerungen und fordern zum Erzählen heraus. Diese Lebensgeschichten bereichern den Alltag und tragen dazu bei, den zu betreuenden Menschen besser zu verstehen. Alle Altersgruppen, vom Kind bis zu dem Menschen im höheren Lebensalter, bescheinigen generell den hohen Erlebniswert des Snoezelens. Der Snoezelenraum schafft hierfür die Atmosphäre, und er soll auch dazu genutzt werden.
Wir können einen vorhandenen Raum für unterschiedlichen Zwecke nutzen und dementsprechend umgestalten: Einmal ist er ein Erholungsraum und möglicherweise auch Besinnungsraum, dann wieder kann er Lern- oder Entwicklungsraum sein.
An oberster Stelle steht das Ziel „Sich-Wohlfühlen“. Bei der Raumgestaltung wird zunächst die Absicht verfolgt, sich entspannen zu können, zur Ruhe zu kommen und gerne länger verweilen zu wollen. Sitz- und Liegeflächen sind auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt. Man lernt, die farbliche Gestaltung und die Geräte mit kleinen Zusatzmaterialien zu verändern, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Die vielfältigen optischen, akustischen und taktilen Reize – adressatenspezifisch eingesetzt - haben eine steuernde, regulierende und heilende Funktion. Bestimmte Klänge (z. B. durch Instrumente wie Kantele, Regenmacher oder Gong) und Düfte wecken Erinnerungen und fordern Reaktionen heraus. Gleichgültig, ob sich die Klienten „nur“ im Raum entspannen und erholen oder über etwas nachdenken wollen oder ob der Snoezelenraum für eine Förderung genutzt werden soll, vor jeder Einheit sind Überlegungen nötig, um den Raum für die entsprechende Klientel vorzubereiten (hierzu wurden von uns spezielle Fragebögen entwickelt). Es ist Pflicht des Begleiters (Therapeut, Erzieher, Pflegekraft, Angehörige u. a. m.), den Raum so zu strukturieren, dass sich der Nutzer darin wohlfühlt. Dabei stellt sich die Snoezelenfachkraft die Fragen:

  • Hat der Raum die richtige Temperatur? Ist er gut belüftet?
  • Sind die Geräte auf den Klienten abgestimmt?
  • Ist die Reizdosierung richtig gewählt?
  • Kennt man die Vorlieben des Nutzers?
  • Hat die gewählte Musik die beabsichtigte Wirkung?
  • Lässt man Zeit zur Ruhe, zum Verarbeiten der Reize, zur Entspannung?
  • Hat der Klient Gelegenheit, dem Begleiter seine Empfindungen und Wünsche mitzuteilen – kann man feinste Reaktionen erkennen?
  • Hat sich der Begleiter Gedanken über die Art der Kontaktaufnahme und Berührung gemacht?
  • Weiß der Begleiter über Belastungen und/oder die Erkrankungen seines Klienten Bescheid?

Im Snoezelenraum herrscht eine Aura, die Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlt. Eigene Gefühle und Stimmungen werden wahrgenommen, die auch der Begleiter aufnimmt und für den Kontakt nutzt. Er muss selbst Ruhe ausstrahlen und offen sein für das, was ihm „mitgeteilt“ wird. Die besondere Atmosphäre des Raumes unterstützt nicht nur den eigenen Reflexionsprozess, sondern fordert als Lern- und Entwicklungsraum den Austausch zwischen Klient/Patient und Snoezelenbegleiter/ Angehörigen.
Heute ist leider immer noch zu beobachten, dass solche Vorüberlegungen bei der Arbeit im Snoezelenraum vielfach keine Rolle spielen. Snoezelenräume sind häufig mit Elektronik überfrachtet und man meint, alle diese Utensilien zur gleichen Zeit anstellen bzw. einsetzen zu müssen. Aktuell besteht auch in Deutschland die Gefahr, Snoezelen mit MSE (Multi-Sensory-Environment) zu verbinden. Die „Umgebung“, der Snoezelenraum, darf aber nicht „multi-sensorisch“ sein, sondern muss kontrolliert werden. Hier ist eher von einem CSE (Controlled-Sensory-Environment) zu sprechen. Die Snoezelenfachkraft (der Begleiter) muss im Vorfeld Lichteffekte, Klänge und Musik, Aromen, Orte der Lagerung, Dauer des Angebots und Inhalt auf die zu betreuende Person abstimmen. Das gilt umso mehr für die Klienten, deren Handeln eingeschränkt ist, wie zum Beispiel solche mit Hirnschädigungen und -verletzungen. Alle drei Faktoren: Informationen über den Klienten und dessen momentane Befindlichkeit, die didaktisch-methodischen Überlegungen der Snoezelenfachkraft und die Vorbereitung des Raumes bilden in dem sog. „Didaktischen Dreieck“ eine Einheit und beziehen sich aufeinander. Der auf die Befindlicheit und Bedürfnisse der Klientel angepasste Raum und die Qualifikation des Begleiters (u. a. Empathie, Sensibilität und Fachwissen) beeinflussen den Erfolg der Intervention, sie bedingen sich gegenseitig. Der Snoezelenbegleiter/die Snoezelenfachkraft  wird in der Regel aufgrund des unterschiedlichen Nutzerkreises aus den verschiedensten Berufszweigen - insbesondere der Ergo- und Physiotherapie, dem Pflegebereich, der Musiktherapie, der Psychologie, der Medizin und ähnlichen Fachgebieten - kommen. Auch lassen sich vermehrt Angehörige und Freunde erkrankten Menschen als Begleiter für das Snoezelen aus- und weiterbilden.

 

4. Snoezelen in der Förderung und Therapie

Es reicht – wie schon betont - nicht aus und ist unverantwortlich – wie man häufig beim Snoezelen,  insbesondere dem sog. „freien Snoezelen“ konstatiert – ohne Vorplanung eine Snoezelenstunde/-einheit durchzuführen. Die freizügige Anwendung des Snoezelens hat ihre Grenzen insbesondere bei Kindern, die sozial auffällig sind, solchen, die große Ängste zeigen, generell bei allen Menschen, die sich in geistiger, seelischer und körperlicher Abhängigkeit befinden und auf Hilfe angewiesen sind.
Selbstverständlich werden alle Altersgruppen in den Genuss einer solchen Snoezelentherapie kommen können. Immer wieder müssen Raum und Förder- bzw. Therapiekonzept adressatenspezifisch neu durchdacht werden. Die einfühlsame Begleitung des Klienten ist selbstverständlich: Begleitung bedeutet „gemeinsam einen Weg Gehen“, sie unterstützt und hilft, wo es nötig ist, beobachtet und lässt auch einmal einen Irrweg gehen, um wieder auf den richtigen Pfad zurückzufinden. Es sind die pädagogischen Handlungskompetenzen, die besonders sensibel in der Arbeit mit behinderten Menschen zum Tragen kommen.
Förderung umgreift alle Maßnahmen der Einwirkung auf Menschen, wie sie als Erziehung, Behandlung, Therapie, Übung, Training und Unterricht, im weiteren Sinne aber auch als Ausbildung, Betreuung, Anleitung und Pflege angeboten werden”  (Stadler, H. 1998, 24). Voraussetzung ist das Erfassen des Iststandes einer Person, um auf dieser Basis einen Förderplan zu erstellen. Für die Förderung sollten mindestens 10 Snoezelen-Einheiten von je 45–60 Minuten angesetzt werden. In der Regel werden diese ein Mal in der Woche stattfinden - erfolgversprechend können auch zwei Förderstunden wöchentlich sein.
Therapiestunden im Snoezelen sollen nur von Fachkräften durchgeführt werden, die eine “Zusatzqualifikation für das Snoezelen” erworben haben und in einem medizinischen, therapeutischen oder sonderpädagogischen Feld tätig bzw. dafür ausgebildet sind. Therapie meint die “Gesamtheit der Maßnahmen zur Behandlung einer Krankheit mit dem Ziel der Wiederherstellung der Gesundheit, der Linderung der Krankheitsbeschwerden und der Verhinderung von Rückfällen” (Brockhaus Enzyklopädie, 19. A., Bd. 22, 87). Basis der Snoezelen-Ausbildung bildet die Kenntnis über die Anwendung spezieller diagnostischer Verfahren, die den momentanen Zustand des Klienten erfassen. Dazu gehört Biografiearbeit die das Eruieren des Umfeldes einschließt. Für das Snoezelen haben wir eine Reihe an Beobachtungsbögen entwickelt und Biometrische Messverfahren kamen zum Einsatz. Ein Therapieplan muss aufgestellt und auch mit anderen Kollegen abgestimmt werden, die den Klienten betreuen und versorgen. Eine Therapiemaßnahme wird sich in der Regel über viele Monate - sogar Jahre - hinziehen und muss in gewissen Abständen überprüft werden. Hier kann es sich ergeben, dass eine andere Maßnahme als das Snoezelen auf längere Sicht wirksamer ist.
In der Snoezelenpraxis wird in Förderung und Therapie vorrangig das “Gelenkte Snoezelen” zum Einsatz kommen. Licht-, Ton-, Klangeffekte und Aromen müssen überlegt eingesetzt werden. Auch bei den Sitz- und Liegeflächen wird man auf die Beeinträchtigung des Klienten achten und für entsprechende Lagerungshilfen sorgen müssen. Der Begleiter/Betreuer/Therapeut muss sich folgende Fragen stellen:

  • Für wen sind die Räume gedacht, wer sind die Adressaten?
  • Wie viele Personen sollen sich maximal in dem Raum aufhalten?
  • Mit welchen Störungs- bzw. Krankheitsbildern hat man vorwiegend zu tun?
  • Was sind die Zielsetzungen, die Absichten? Ist es das so genannte „freie“ oder „gelenkte Snoezelen“?
  • Ist es bei dem „gelenkten Snoezelen“ eine Maßnahme der „Förderung“ oder der „Therapie“?

 

5. Snoezelen als Lernmethode

An der Humboldt-Universität wurde bislang als einzige Hochschule seit 1990 zur Wirkung von Snoezelen geforscht. Da alle Personen in dem Snoezelenraum sehr interessiert und konzentriert waren, kam der Gedanke, Unterrichtsinhalte nicht nur im Klassenraum, sondern auch in dieser motivierenden Umgebung des Snoezelenraumes umzusetzen. Die Studierenden untersuchten die Lehr- und Förderpläne der Kinder in Kindergarten und Vorschule sowie der Schüler in den Grund-, Haupt- und Förderschulen. Mit Blick auf die Studienfächer der Studierenden wurden Themen ausgewählt, welche in das Lehrfach des Studenten passten. Sie hatten damit Gelegenheit, unter Anleitung erste Praxiserfahrungen zu sammeln.
Der Snoezelenraum bietet das Ambiente, in der man Ruhe und Zeit hat, sich dem Kind/Schüler intensiv zuzuwenden. Die besondere Atmosphäre, die durch die im Raum befindlichen Geräte und die Liegeflächen ausgelöst wird, führt zu einer veränderten Einstellung der Kinder zum Lernen. Sie finden eher Kontakt zueinander und zu dem Lehrenden. Werden die visuellen und akustischen Reize dosiert eingesetzt, kommt ein zusätzlicher positiver Stimulator dazu, der lenkt und steuert. Der Lehrende kann sich vermehrt auf die Vermittlung des Lernstoffes konzentrieren.

Ein Basisziel ist die „Bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers“. Kinder (aber auch erwachsene Menschen), denen ihr Körper fremd ist, die ihn nicht kontrollieren und Abläufe nicht zuordnen können, werden weiter Schwierigkeiten mit sich selbst und in der Gruppe haben, u. a. einem Nachbarn zuhören, Bedürfnisse erkennen, Rücksicht nehmen und auch abwarten können, bis man an der Reihe ist. In den ersten Stunden im Snoezelenraum sollen die Teilnehmenden lernen, ihre Körperteile bewusst wahrzunehmen, zu steuern und zu kontrollieren. Sie lernen, diese auch isoliert zu betrachten und zu benennen. Taktil und kinästhetisch werden Druck und Materialbeschaffenheit erfahren. Nachdem auch die Liege- und Sitzflächen ausprobiert und bewusst wird, was angenehm und unangenehm ist, werden sich die Teilnehmer zunehmend länger entspannen können.

Solche Lerneinheiten bilden die Basis und können je nach Entwicklungs- bzw. Altersstufe drei bis zehn Einheiten umfassen. Erst danach schließen sich spezielle Themen aus den Förder- und Lehrplänen an. Bei einer sehr schwierigen Lerngruppe aus einem sozialen Brennpunkt von Schülern im Alter von 13-16 Jahren konnten wir folgende Themen durchführen:

  • Gesunde Ernährung
  • Auf Entdeckungsreise mit Christoph Kolumbus
  • Räume entdecken – wahrnehmen – erfahren
  • Der Raum klingt
  • Ein Vogelflug über die Wüste

            - Tiere überleben in der Wüste
- Reise der Störche

  • Eulen
  • Entstehung von Tag und Nacht
  • Reise durch den menschlichen Körper
  • Geschichten erfinden und erzählen: „Ein Tag am Meer“
  • Bin ich stark oder schwach?

Weitere übergreifende Themen die stärker auf erwachsene Menschen, vor allem auch im höheren Lebensalter ausgerichtet sind, umfassen die Schwerpunkte:

  • Ruhe und Zeit haben
  • Vertrauen finden
  • Kontakt haben
  • Kommunikation anregen
  • auf den Anderen achten und auf ihn eingehen
  • zu sich selbst finden
  • Wahrnehmung anregen
  • sich erinnern
  • Lernenstrukturen aufbauen
  • Gedächtnis und Merkfähigkeit erhalten
  • Fantasie und Kreativität einsetzen

Eine Lerneinheit im Snoezelenraum von ca. 10 - 15 Einheiten (über eine Zeitspanne von einem  Viertel- oder Halbjahr) dauert in der Regel 45–60 Minuten. Wichtig ist der einheitliche Aufbau: das bedeutet den nicht ständigen Wechsel von Strukturen, eine klare Zeiteinteilung und eine begrenzte Auswahl an optischen Geräten. Die Einführungsphase wird ca. 5 Minuten in Anspruch nehmen. In dieser tauscht sich die Gruppe aus und man bereitet das Thema vor. In dem sich anschließenden Hauptteil wird das festgelegte Thema vermittelt (vgl. Mertens, K. 20044;  2007; 2008). Die abschließende Entspannungsphase muss mindestens 10 bis 15 Minuten dauern, um den Inhalt der Stunde in Ruhe vor dem inneren Auge „vorbeiziehen“ zu lassen und diesen speichern zu können. Häufig wird das Erlebte der Stunde in eine Phantasiegeschichte verpackt, die der Leiter vorliest. Abschließend tauscht sich die Gruppe aus und erhält vom Leiter einen Hinweis auf die nachfolgende Einheit.

Nach Abschluss der dreimonatigen Intervention – eine Stunde wöchentlich – wurde über jedes Kind ein Gutachten erstellt. Die Analyse der Gutachten  ist generell schon als Effizienzkontrolle zu betrachten und hat zur Folge, dass die nachfolgenden Einheiten verbessert und gezielt auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes abgestimmt werden. So werden die für jede Stunde ausgewählten Inhalte bezüglich ihrer Absicht reflektiert und in das Gesamtkonzept integriert. Eingangs- und Abschlusskontrolle sind ein Beleg, dass das Snoezelen für die beobachtete und untersuchte Person sinnvoll ist oder möglicherweise auch nach einer anderen Interventionsform gesucht werden muss.
Bei den Effizienzmessungen zur „Verbesserung des Lernens im Snoezelenraum“ kamen und kommen auch heute noch die an der Humboldt-Universität entwickelten und 2004 von Experten in Schweden, Finnland und   Kanada erprobten „Fragebögen zum Wohlbefinden“ sowie  standardisierte Verfahren zu Gedächtnis- und Merkfähigkeit  zum Einsatz. Wir konnten festhalten, dass das im Snoezelenraum erworbene Wissen und die in diesem Raum gemachten Erfahrungen wesentlich länger  gespeichert und schneller abrufbar sind (wir haben nach einem Jahr die Kontrolluntersuchung durchgeführt). Die Lehrer bestätigten das verbesserte Sozialverhalten der Gruppe und das angenehmere Lernklima in der Klasse.

 

 6.  Forschungsarbeiten an der Humboldt-Universität zu Berlin

 

In Forschungsprojekten an der Humboldt-Universität zu Berlin wurden in unserem Snoezelenraum am Instituts für Rehabilitationswissenschaften entsprechende Frage- und Beobachtungsbögen sowie Effizienzmessungen (auch mit Unterstützung des Lehrstuhls Informatik-Signalverarbeitung und Mustererkennung, Prof. Dr.-Ing. Beate Meffert, und ihren Studierenden) durchgeführt (vgl. Meffert, B. 2005; Mertens, K; Meffert, B.; Schneider, G., 2005).

Bei den aufmerksamkeitsgestörten Kindern (zum Teil begleitet von Hyperaktivität) wurden folgende Verfahren zur Erfassung von Konzentration und Aufmerksamkeit bei Hyperaktivität eingesetzt:

  • ADHS-Eltern-und Lehrerfragebogen,
  • Konzentrationstest (DL-KG von Kleber/Kleber/Hans),
  • Zahlen nachsprechen (Untertest aus Kaufmann ABC),
  • „Tiger Hannibal“ (Screening-Motoriktest zur Erfassung von Hyperaktivität
  • Linien nachfahren (Schilling 1992)
  • Mann-Zeichen-Test (Ziler),
  • Videoaufzeichnung der Mimik und Gestik bei immer der gleichen Ruheübung am Ende der Einheit.

Zu diesem Störungsbereich ADS hat Chiara Kreutzjans ein Förderprogramm über 14 Einheiten erarbeitet und dieses in einer Wissenschaftlichen Hausarbeit mit dem Titel „Snoezelen, eine Methode zur Förderung der Aufmerksamkeit bei Kindern“ erläutert (diese hätte als Dissertation gelten können). Die durchschnittliche Entspannungszeit der ausgewählten 6 Kinder in der Fördergruppe von 11 Kindern eines Sonderpädagogischen Förderzentrums  hat sich innerhalb der sieben Wochen fast verdreifacht. Die Kinder „... haben gelernt, die Entspannung zum Ende hin als Gegensatz zu dem aufmerksamkeitsfordernden ersten Teil zu nutzen. Die Kinder hatten die Möglichkeit, Anspannung abzubauen und wieder neue Kräfte zu sammeln...“ (Kreutzjans, C. 2004, 54).

Auch in der Dissertation von Dr. Martin Buntrock zur „Wirkung von spezieller Entspannungsmusik im Snoezelenraum“ (Buntrock, M. 2010) wurden diese Messungen angewandt. Die eigens für die Intervention Snoezelen komponierte Musik unterstützt physisch und psychisch den Entspannungsprozess. Insbesondere in der Betreuung von psychisch kranken Menschen, Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, Menschen mit demenziellen Erkrankungen und solchen mit onkologischen Krankheitsbildern ist der bedürfnisgerecht gestaltete Raum und die richtige Auswahl an Musik ein Teil der Versorgung und Therapie und hat nachweislich einen hohen Ruhe-, Erholungs- und Entspannungswert.

In den ersten Jahren richtete man das Augenmerk im Snoezelen auf Menschen mit (schweren) geistigen Behinderungen. In den letzten 15 Jahren wird das Snoezelen gleichermaßen in Kinderkrippen und Kindergärten, Schulen, Freizeit- und Senioreneinrichtungen, in Kliniken und Hospizen umgesetzt. Vereinzelt finden sich Snoezelenräume auch im Managementbereich und in Wellness-Bädern. Das sog. „freie Snoezelen“' bildet immer noch das Basisangebot - es ist jedoch nicht „frei“, sondern durch die Vorplanung der Geräteeinstellung und Wahl der Musik auch als gelenkt zu bezeichnen. Für eine anerkannte Intervention in Pädagogik und Therapie reicht ein Snoezelenangebot unter der Maxime „Nichts muss – alles darf“ nicht aus. Es müssen  Konzepte und Methoden entwickelt und Lehrqualifikationen erworben werden, die auch an oberster Stelle in Sozial-, Gesundheits-  und Bildungsministerien positiv aufgenommen werden und weltweit zur Anerkennung der Intervention Snoezelen als Förder- und Therapiemaßnahme führen.

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Literatur
Buntrock, M. (2010): Wirkung von spezieller Entspannungsmusik im Snoezelenraum.
Cleland, Ch. C.; Clark, Ch. M. (1966/67):  Sensory deprivation and aberrant behavior among idiots. In: American Journal of mental deficiency. 2, 213-225
Hulsegge, J.; Verheul, A.(19976): Snoezelen – Eine andere Welt

Kreutzjans, C. (2004): Snoezelen, eine Methode zur Förderung der Aufmerksamkeit bei Kindern. Wiss. Hausarbeit. Humboldt-Universität zu Berlin

Stadler, H. (1998): Rehabilitation bei Körperbehinderung. Eine Einführung in schul-, berufs- und sozialpädagogische Aufgaben. Kohlhammer-V., Stuttgart u. a., 24

Meffert, B (2005): Snoezelen und seine Wirkung auf Biosignale. In: Mertens, K.; Verheul, A.: Snoezelen – Anwendungsfelder in der Praxis. Bericht von dem 2. Internationalen Symposium der ISNA, 89-98

Mertens, K. (20032): Snoezelen – Eine Einführung in die Praxis
Mertens, K. (2005): Snoezelen – Anwendungsfelder in der Praxis

Mertens, K. (2006): Definition Snoezelen. In: Brockhaus Enzyklopädie. Bd. 25, 429

Mertens, K.; Meffert, B.; Schneider, G. (2005): Forschendes Lernen. Begleitung diagnostischer und therapeutischer Verfahren in der Rehabilitationspädagogik. Ein interdisziplinäres studentisches Projekt. In: humboldt-spektrum (3), 54-58

Mertens, K.; Tag F.; Buntrock, M. (2008): Snoezelen – Eintauchen in eine andere Welt.

Prof. Dr. Krista Mertens (em.)
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Rehabilitationswissenschaften
ISNA-Snoezelen professional e.V.
Rüdesheimer Str. 4
14197 Berlin

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